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Grundlagen

Das Hämoglobinmolekül besteht aus dem eisenhaltigen Porphyrin (Häm) und einem Proteinanteil. An je eine Peptidkette ist ein Häm-Molekül gebunden, 4 dieser Komplexe bilden das Molekül Hämoglobin. Beim Proteinanteil werden die alpha-, beta-, gamma-, delta-Ketten unterschieden, die jeweils durch verschiedene Gene codiert sind. Es lagern sich immer 2 alpha-Ketten mit 2 beta-, gamma- oder delta-Ketten zusammen. Das Hämoglobin des Erwachsenen besteht zu ca. 90 - 96 % aus

2 alpha- und 2 beta-Ketten (HbA1), zu ca. 2,5 % aus 2 ?/2 ?-Ketten (HbA2) und zu einem kleinen Teil aus 2 alpha/2 delta-Ketten (HbF). Bis zum dritten Fetalmonat besteht das Hämoglobin aus HbF. Danach beginnt die Produktion von HbA1, das zum Zeitpunkt der Geburt 10–30 % erreicht und danach weiter zunimmt. Wird die Synthese des fetalen HbF über die Geburt fortgesetzt liegt eine HbF-Persistenz vor.

Durch Mutationen entstehen Hb-Varianten, die sich qualitativ in ihrem Globin-Anteil unterscheiden. So werden abnorme Globinketten wie z. B. das Sichelzell-

Hämoglobin (HbS) und andere pathologische Varianten gebildet. Mittlerweile sind mehr als 700 Hb-Varianten beschrieben worden. Wird die Synthese ganzer, unveränderter Polypeptidketten gehemmt, handelt es sich um Thalassämien.

Formen der Hämoglobinopathien

Die bekanntesten und häufigsten Hämoglobinopathien sind:

  1. beta-Thalassämie
  2. Sichelzellanämie

1. Beta-Thalassämie
Die häufigste Thalassämie ist die beta-Thalassämie. Je nach Ausprägungsgrad liegt sie als Thalassämia major (homozygote Form) oder minor (heterozygote Form) vor. Die Erkrankung tritt gehäuft bei Menschen aus den Mittelmeerländern auf.

beta-Thalassämia minor
Durch Hemmung der beta-Globin–Ketten-Synthese wird kompensatorisch vermehrt HbA2 und evtl. HbF gebildet.

Wegweisend ist eine hypochrome, mikrozytäre Anämie mit Hb–Werten die meist nicht unter < 9,5 g/dl bei normaler Erythrozytenzahl; die Ferritin-Werte liegen im Referenzbereich oder sind leicht erhöht. Klinisch imponieren die Patienten durch eine geringe Anämiesymptomatik und eventuell leichte Milzvergrößerung. HbA2 ist immer erhöht, HbF ist in 50% der Fälle leicht erhöht, HbA1 ist dagegen immer erniedrigt.

beta-Thalassämia major
Ab dem 1. – 2. Lebensmonat haben diese Patienten eine zunehmende transfusionsbedürftige Anämie.

Klinisch zeigt sich eine Hepatosplenomegalie bereits ab dem 3. Lebensmonat. Es kommt im weiteren Verlauf zu schwerwiegenden Wachstumsstörungen, Skelettveränderungen durch gesteigerte Erythropoese sowie Organschäden durch Hämosiderose.

2. Sichelzellanämie
Häufigstes Vorkommen in Zentralafrika, aber auch in allen Ländern rund um das Mittelmeer. Es handelt sich um einen genetischen Strukturdefekt der beta-Kette des Hämoglobins. 8–12% der Afrikaner und Afroamerikaner tragen das mutierte Gen. Der genetische Defekt kann als homozygote- und heterozygote Form auftreten.

Heterozygote Sichelzellanämie
Sie verläuft meist asymptomatisch, selten treten Bauchkoliken auf.

Es finden sich leichte Erhöhungen der Leberwerte und des Bilirubins, selten ist das Blutbild auffällig. Die Diagnose wird über den Nachweis des pathologischen Sichelzell-Hämoglobins gestellt.

Homozygote Sichelzellanämie
Diese Patienten sind von frühester Jugend an transfusionsbedürftig und versterben oft an der zunehmenden, transfusionsbedingten Hämosiderose. Grundlage der Therapie ist die Gabe von Eisenchelatbildnern zur Vermeidung der Hämosiderose. Neuerdings besteht die Möglichkeit der Knochenmarktransplantation, die die einzige kurative Behandlungsmethode darstellt.

Indikation

  1. Abklärung mikrozytärer, hypochromer Anämien insbesondere bei Patienten aus Mittelmeerländern (MCV und MCH erniedrigt)
  2. Abklärung hämolytischer Anämie in Verbindung mit schmerzhaften vasookklusiven Krisen bei Patienten aus der Mittelmeerregion und Afrika.

Diagnostik der Hämoglobinopathien

  1. Großes Blutbild
  2. Quantitative Bestimmung der Hämoglobinfraktionen mittels HPLC (Hämoglobinauftrennung)
  3. Ferritin und Retikulozyten

Material

  • Hämoglobinauftrennung: 1 EDTA Röhrchen
    Die Analytik wird 1 mal pro Woche jeweils am Mittwoch durchgeführt.
  • Blutbild/Retikulozyten: 1 EDTA Röhrchen
  • Ferritin: 1 Vollblut Röhrchen (Serum).

Literatur

  • L. Thomas; Labor und Diagnose, 6. Auflage 2005.
  • A.R. Huber, C. Ottiger, L. Risch, S. Regenass, M. Hergersberg, R. Herklotz: Hämoglobinopathien / Anomale Hämoglobine: Erscheinungsbilder und Abklärung / Thalassämie Syndrome: Klinik und Diagnose; Schweiz Med Forum 2004; 4: 895-901; 921-926; 947-952